LICHTPLANUNG IM ÖFFENTLICHEN RAUM
DIE SITUATION
In den letzten Jahren ist die Beleuchtung des öffentlichen Raums stark in den Vordergrund kommunaler Planungs- und Realisierungspraxis gerückt - trotz oder gerade wegen der gegenwärtig zugespitzten Haushaltslage bei den Kommunen. Angesichts knapper Kassen findet eine energische Konkurrenz zwischen den Kommunen statt. Gewerbe und Bewohner sollen neu gewonnen oder wenigstens in der Stadt gehalten werden. Starkes, grelles und buntes Licht scheint mancher Kommune das geeignete Mittel, unverwechselbare Identität zu gewinnen. Dieses Handeln wird dadurch erleichtert und angespornt, dass mit den neuen Leuchtmitteln eine deutliche Absenkung von Energiekosten bei gleichen Lichtstärkenniveaus erreicht werden kann.
LICHT ALS GESTALTUNGSMITTEL ÖFFENTLICHER RÄUME
Nach dem Verlöschen des natürlichen Lichts des Tages bestimmen in der Stadt fünf Arten des künstlichen Lichts den öffentlichen Raum. Sie sind jeweils unterschiedlich gestaltbar und in einer ganzheitlichen Lichtgestaltung für die öffentlichen Räume zusammenzuführen:
- Die "Grundversorgung" gibt die funktionale Beleuchtung von Wegen, Straßen und Plätzen. Sie orientiert die Bewegungen und macht sie und den Aufenthalt für die verschiedenen Gruppen sicher und zielführend. Das Licht orientiert die räumliche Bewegung und schafft gleichzeitig funktionale Zusammenhänge von Räumen und zu Personen.
- Die Lichtgestaltung gibt öffentlichen Räumen eine unverwechselbare Lichtatmosphäre. Sie kann die Aufenthalte angenehm und interessant machen. Vor allem durch sie entsteht das unverwechselbare Nachtgesicht der Stadt. Das Licht ist zunächst atmosphärisches Licht, in zweiter Linie orientiert es auf unverwechselbare Zielorte und auf das besondere nächtliche Raumsystem der Stadt.
- Das "private Licht " ist Licht der unterschiedlichen Werbungen, sowie Licht aus privaten Häusern und Grundstücken, das aus Fenstern und Foyers in die öffentlichen Räume fällt.
- Die künstlerische Lichtgestaltung nimmt künstliches Licht als Gestaltungsmedium, um Erfahrungen und Erkenntnisse zum Ort herauszuarbeiten. Sie kann Räume interpretieren und individuelle oder kollektive Aktivitäten anregen. Das Licht ist Gestaltungsmittel in einem Werk mit Anderen oder für sich - ein Lichtwerk, das dann verschwindet, wenn das Licht verlöscht.
Künstlerische Lichtgestaltung kann die individuelle Wahrnehmung irritieren oder schärfen und auch zukünftige Lichtgestaltungen für bestimmte Räume vorbereiten oder vorwegnehmen.
- Das "Nicht-Licht"- die Dunkelzone - ist als unerlässliches Gliederungselement öffentlicher Räume, als erkennbares Merkmal öffentlicher Freiräume, nicht bebauter Zwischenräume und nicht zuletzt der Grünanlagen einzusetzen.
Je nach Zielsetzung für Stadt und Einzelraum bezieht die Lichtgestaltung die fünf Arten Kunstlicht ein. In jedem Fall sollte Stadtgestaltung die Verläufe des Taglichts und der Wirkungen der fünf Arten künstlichen Lichts auf den konkreten öffentlichen Raum untersuchen. Für unseren Ansatz der Lichtgestaltung werden als Gestaltungsmittel vorrangig die funktionale Beleuchtung (Lichtart 1), die hinzutretende Lichtgestaltung (Lichtart 2) und die künstlerische Gestaltung (Lichtart 3) gesehen. Sie wirken im öffentlichen Raum und sind gegenüber dem "privaten" Licht besser Gestaltungsregeln zu unterwerfen.
NOTWENDIGER DISKURS und ANSÄTZE der PLANUNG
Zielsetzung
Lichtgestaltung kann dazu beitragen, den öffentlichen Raum in der Nacht für Bewegung und Aufenthalt besser zu qualifizieren. Sie kann helfen die Stadt und ihre Quartiere unverwechselbar zu erhalten und neu anzulegen. Dabei sind die technischen, die energetischen und ökonomischen Voraussetzungen und auch die ökologischen und gestalterischen Möglichkeiten besser gegeben als jemals zuvor.
Ansatz Stadtstruktur
Um diese Zielsetzung zu erreichen, begegnen sich die Arbeitsfelder "Stadtgestaltung" und "funktionale Beleuchtung". Beide haben ein strukturelles Bild vom systemischen Aufbau der Stadt, die sie einander deutlicher vermitteln können.
Beide Arbeitsfelder wollen die Qualität der ganzen Stadt und ihrer Bereiche aus ihrer Sicht weiterentwickeln. Sie nehmen die Ergebnisse ihres disziplinären Vorgehens jeweils als Rahmensetzungen für "ihr System", in der Regel aber ohne die Kriterien und den methodischen Weg des anderen Felds zu kennen. Bei Aufbau und Ergänzung des Beleuchtungssystems sind in der Regel die Stadtplaner nicht einbezogen - von den Lichtkünstlern nicht zu reden.
Es liegt auf der Hand, dass der nächste Schritt wäre, die Analysemethodiken zur Beurteilung und Weiterentwicklung von Beleuchtungssituationen und Lichtatmosphären mit denen zur Aufnahme der stadträumlichen Strukturen abzugleichen - oder noch besser - in einer gemeinsam formulierten Analyse- und Bewertungsmethode zu verknüpfen.
Ansatz künstlerische Lichtgestaltung - Beitrag zu Wahrnehmung und Orientierung
Christopher Alexander hat - wie schon einzelne Autoren vor ihm - formuliert, dass der Mensch ein phototropes Wesen sei, ein Wesen, das mit dem Licht lebe und sich nach ihm orientiere. Dennoch fehlen verlässliche Grundlagen in den wissenschaftlichen und planenden Disziplinen mit Kriterien für Wahrnehmung, Orientierung und schließlich für die Bewegung und Aufenthalte der verschiedenen Nutzergruppen im öffentlichen Raum, die für die Lichtgestaltung anlegbar wären.
Temporäre und permanente künstlerische Lichtgestaltungen können in dieser Situation über ihre künstlerische Aussage hinaus als Anschauungsbeispiele dienen und in Analyse und Planung fruchtbar gemacht werden.
Ansatz zur Beteiligung der Akteure und Interessenten
Es zeigt sich, dass die Überlegung zur Lichtgestaltung und deren Erfolg stark davon abhängen, wie die verschiedenen in die öffentlichen Räume hineinwirkenden Lichtarten zu einer zielgerechten ästhetischen und gebrauchbaren Nachgestalt des jeweiligen Raumabschnitts zusammengeführt werden können. Dabei sind die unterschiedlichen, interessengebundenen Arten des Kunstlichts zu beachten.
Licht ist nicht an Grundstücksgrenzen gebunden. Deshalb ist der Diskurs der Akteure, Interessenten und Nutzergruppen zur Nachtgestalt bestimmter öffentlicher Räume und der ganzen Stadt mit ihren je einzelnen Lichtsituationen spätestens vor Realisierung neuer Gestaltungen dringend geboten.
Planungsmodelle
Bei der Lichtplanung handelt es sich um eine informelle Planung, die Teil der Stadtgestaltung ist. Durch ein Beleuchtungskonzept bis hin zur Gestaltungssatzung kann eine verbindliche und beständige Lichtgestaltung erreicht werden. Dazu sind tragfähige, gute und bessere Planformen für die Lichtgestaltung in einzelnen Kommunen entwickelt worden. Die folgenden Planungstypen werden derzeit praktiziert. Jede Gemeinde kann mit Hilfe dieser Beispiele eine für sie passende Lichtplanung erarbeiten:
- Masterplan Licht, Gesamtstruktur der ganzen Stadt mit Projektion des angestrebten Endausbauzustands: z.B. Zürich.
- Masterplanung in Stufen mit Bildern der angestrebten Zwischenzustände und des Endzustands: z.B. Düsseldorf mit dem Schwerpunkt Lichtgestaltung
- Beleuchtungsplanung mit den Schwerpunkten Beleuchtung stadthistorisch bedeutsamer Gebäude und Stadträume, die öffentlichen Strassen- und Wegeräume verbinden die Schwerpunkte zur unverwechselbaren Stadtstruktur: z.B. Beleuchtungsplanung der Innenstadt Köln.
- Prozessorientierte Planung mit Stufen, die ergebnisoffen auch die erreichten Ergebnisse für die Planung jeder Stufe neu einbeziehen: z.B. Castrop-Rauxel.
- Projektmanagement von Einzelobjekten mit Moderations- oder Beratungsangeboten - mit oder ohne - anzustrebendes Bild des Zwischen- oder Endzustands der Nachtgestalt der Stadt: z.B. Essen.
- "Hellweg - ein Lichtweg" ist in diesem Zusammenhang der Lichtplanung ein besonderes Projekt: Unter dem Dach eines regionalen Verbundes von Gemeinden des östlichen Hellwegs werden die einzelenen künstlerischen Lichtgestaltungen jeder Gemeinde geplant und realisiert, sowie von einem Kurator begleitet
Jede Gemeinde ist gut beraten, bei einer angestrebten Aufwertung der Nachtgestalt durch Lichtplanung möglichst alle Beteiligten in die Planung und Realisierung einzubeziehen. In Lyon - der "Initialstadt" europäischer Lichtplanung - wird jetzt aus begründeter Erfahrung von der konsequent disziplinär und "von oben" geplanten Lichtgestaltung für die Innenstadt abgesehen und zu einer beteiligungsintensiven Planung in den Vorstädten übergegangen. Die Stadt will damit noch mehr Akzeptanz und Dauer der Lichtgestaltung erreichen.